Fachverband für Goju-Ryu Karate
Über uns
Wir betreiben und lehren den offiziellen Goju-Ryu Karate Stil des japanischen Karate- verbandes JKF Goju-Kai und sind offizielle Stilrichtung im Deutschen Karateverband (DKV).
Michaela Schubert     Freitag, 20. Oktober 2017    

Sommer Camp 2017

Oder: “Smithers, lassen Sie die Trainer los”

Mit Raik kam die Sonne. Ja, so ein kleiner messianischer Anstrich war bei der Ankunft von Sensei Raik Richter am vierten Tag des Karate-Camps kaum zu leugnen. Das Timing, bei dem das Aufschlagen seiner Autotür mit dem endgültigen Durchbruch der ersehnten warmen Sonnenstrahlen durch den grau-weißen Himmel zusammenfiel, hatte schon etwas Paradisisches und müsste jetzt einen Satz nach sich ziehen, der in etwa klingt wie: „ … und auch das Lachen der Kinder war zurückgekehrt.“ Aber was wären das für Trainer, die sich solch platten Sentimentalitäten hingeben würden.

Natürlich verstummte bei Sensei Raiks anschließender dreistündiger Trainingseinheit das dreiste Kinderlachen als klar wurde, dass jede Sekunde Verspätung bei der Umsetzung von Traineranweisungen teuer mit Liegestütze zu bezahlen ist. Das erschreckende Nichtwissen um die eigene Kyu-Graduierung (nummerologisch! Farbe kann ja jeder) führte selbstredend zu weiteren Push-Ups. Und da nun die meteorologische Gunst der Stunde für ein Aufwärmtraining im Freien genutzt werden konnte, wurde schnell deutlich, dass Liegestütze bei Sonnenschein das Trainerherz noch mehr erfreuen.

Auf einen Parkourlauf über den Spielplatz, anschließender Beinarbeit und einem Takedown-gekrönten Fangerlespiel auf dem Beachvolleyballplatz folgte eine ausgewogene Trainingseinheit, die basale Grundtechniken wie Yoko- und Uchi-Uke zu effektiven Armhebeln weiterführte. So war für alle anwesenden Graduierungen ansprechender Stoff dabei und die Anstrengungen der Erwärmung anständig entlohnt. Die letzten Kraftreserven durften beim Kumite verbraucht werden, bei dem Sensei Raik, selbst aktiver Kampfrichter, klar herausstellte, um was es beim Sportkumite geht: Nicht die Quantität der Zukis und Geris ist entscheidend, sondern nur eine saubere, gut getimte und gezielte Ausführung bringt Punkte.
Aber selbstverständlich waren die drei Tage zuvor in Freizeit und Training gut genutzt und abwechslungsreich, auch wenn gelegentliche Regengüsse und graue Schleierwolken das Sonnenbad von der Aktivitätenliste strichen.

Nachdem am Montag Ankunft, Zimmerverteilung und Geländesondierung abgeschlossen und alles für gut befunden wurde, hielt Sensei Tim Pfeifer mit den 21 angereisten jungen Karateka die erste Trainingseinheit ab. Zuerst wurden die Kinder mit „Asobidi“, also spielerische Vermittlung von Trainingsinhalten (asobi heißt auf japanisch soviel wie Spiel) in falscher Sicherheit gewogen, bevor Tim im zweiten Teil all die wichtigen Details unserer Basiskata Sanchin in gnadenloser Daueranspannung der Muskeln abklopfte. Einige Anmerkungen zum korrekten Armeinsatz kann der Trainer übrigens auch dann noch ausschweifend anbringen, wenn die Beine jene Kata in unseren beliebten und kräftezehrenden tiefen Ständen Shiko- und NekoAshi-Dachi absolvieren – ausgezeichnet.

Der Rest des Tages verging angenehm bei Tischtennis, Federball, Fußball, Billard, Volleyball und zur großen Überraschung: mit reger Anteilnahme am übergroßen Outdoor-Schachbrett. Soll doch mal einer sagen, Kampfsportler und Intelligenzbestie gänge nicht zusammen, pha.

Am Dienstag hielt Sensei Christoph Weinhold seine Trainingseinheit ganz im Sinne unseres Goju-Ryu Stilmerkmals: Ran an den Gegner, eng und effektiv auf kurzen Distanzen arbeiten. Nach einer ideenreichen Aufwärmung, in der die bunten Gürtel nicht nur zum Gi-Hhalten taugten, gab es eine Runde Pushing-Hands oder auch Kakie genannt. Eine Übung, bei der in kreisenden Bewegungen die Arme der Partner, immer in Kontakt, wechselseitig zueinander gedrückt werden. Daraus lassen sich nun viele Hebel, Würfe, Fixierungen und Schläge im Clinch entwickeln, aber vordergründig befördert die Übung das Erspüren gegnerischer und eigener Kraftimpulse – unabdingbar für einen Kampfstil, der kurze Distanzen favorisiert.

Anschließend ließ Christoph die Trainingseinheit in allerhand Arm- und Handgelenkhebeln gipfeln, deren geübte Anwendung mindestens mit verbissenem Zähneknirschen des „Uke“ (der erLEIDENde Partner) belohnt wird und im Ernstfall jede aufkommende Handgreiflichkeit sofort beenden kann.
Danach hielt der Dienstag eine große Waldwanderung bereit. Ziel war die Talsperre Pöhl. Jedoch triumphierte die Natur – hier in Form eines feuchten Blätterdaches, der jeden GPS-Handyempfang zunichte machte – über die Technik und nach fünf Stunden Wanderung waren die Beine, auch ohne das erhoffte Badengehen an der nur knapp verfehlten Talsperre, angenehm müde.

Da am späten Abend ein gemütliches Lagerfeuer mit Knüppelkuchen angedacht war, musste Holz aus dem hiesigen Wald besorgt und heimgetragen werden. Was da so an ganzen Bäumen aus dem Wald geschleppt wurde war schon beeindruckend. Sicherlich wird man noch in 100 Jahren vom „Großen Netzschkauer Holz-Trek“ in den örtlichen Chroniken lesen können. Vor der endgültigen Gemütlichkeit stieg noch einmal der Adrenalinspiegel, als es für uns naturferne Stadtmenschen hieß, ein anständiges Feuer zu entfachen. Selbstredend wurde auch diese Aufgabe vom überkompetenten Betreuerteam mit völlig natürlich vorkommendem Grillanzünder (0,79 € vom Discounter des Vertrauens) bravourös und naturnah gelöst. Der Knüppelkuchen war im Übrigen köstlich.

Am leider völlig verregneten Mittwoch musste alles an Indoor-Aktivitäten herhalten was das Schullandheim zu bieten hatte. Das war zum Glück nicht wenig, aber zuerst lud am Vormittag Sensei Marco Lösch zu einer Trainingseinheit ein, in der es vorrangig um Präventionsabstufung, Würfe und Bodenkampftechniken ging. Nicht jede Reaktion auf einen Angriff muss gleich mit „ikken hissatsu“ (jap. Für „ein Schlag tötet“) enden. Ziel war es, dem Gegner mit der angebrachten Technik noch die Wahl zu lassen, ob ein weiteres Angreifen wirklich lohnenswert ist.

Das sonst im Karatetraining eher unterrepräsentierte Thema des Werfens und Bodenkampfes gehört dennoch in jedes gute Kampfkunstrepertoire und sollte immer einmal geübt werden. Nicht nur auf dem Schulhof, auch im modernen MMA-Octagon zeigt sich immer wieder, dass viele Kämpfe im Clinch und am Boden landen, oft dort sogar enden. So kann es nicht nur von Vorteil sein, den Gegner zünftig zu erden, wichtig ist auch zu üben, wie man sich, einmal zu Boden gegangen, den Angreifer vom Leib halten kann.

Bei einem überaus spannenden Völkerballturnier verging die Zeit zur nächsten Trainingseinheit doch recht schnell und noch vor dem Abendessen rief Simone Kunze die Kinder zu einer Runde Yoga zusammen. Wer hier nur an entspanntes und harmonisches Gleichgewichthalten denkt, dem kann versichert werden: Neeee, was wären das für Trainer, die sich solch platten Senti… jaja usw. Jedenfalls gab es mit dem so genannten Hatha-Yoga eine Form des Yoga, die mit recht anspruchsvollen Dehnungen, Muskelbelastungen und konzentrierten Atemübungen wirklich sehr gut zu unserem Karate passt. Hatha heißt soviel wie Anstrengung, Gewalt oder auch Kraft – ausgezeichnet.

Nach dem Abendessen erwartete die Kinder eine ganz besondere Idee des Trainerpersonals. Eine ganze Einheit wurde sich der Zerkleinerung von größeren und kleineren Holzplatten gewidmet: Bruchtest war angesagt! Dieser war nicht nur dafür gut, das Brennholz für das nächste Lagerfeuer zu portionieren. So eine Holzplatte eignet sich auch ganz hervorragend, um Kraft und Ausführung diverser Techniken zu prüfen. Es bewahrheitete sich beim Zerschlagen wie dem Halten des Bretts, was das ständige Ermahnen von Trainerseite zum Inhalt hat: nur korrekte Stände, bei denen der ganze Körper in die Schlagmechanik einfließen kann, sowie eine saubere Technik mit arretierten Gelenken im Kimepunkt führt zum Erfolg – alles andere endet nur mit blauen Flecken und Verstauchungen.

Noch etwas verregnet und grau startete der Donnerstag. Begonnen wurde dieser, nach dem obligatorischen Frühstück der Champions, mit einem knapp zweistündigen Kletterlehrgang. Zuerst wurde einfache Klettertheorie vermittelt, dann folgte leichte Praxis im jugendherbergseigenem Boulderzimmer, um schlussendlich an der ca. 7m hohen Kletterwand mit Sicherheitsgeschirr das Können unter Beweis zu stellen. Dann kam Raik … dann kam die Sonne …

Wir ließen den Donnerstag und damit unseren letzten Übernachtungsabend mit einem Grillfest und Lagerfeuer ausklingen. Begleitet wurde das von einem Tischtennisspiel im chinesischen Modus, bei dem die kluge Idee aufkam, das Ausscheiden und Warten auf die neue Runde mit dem Shiko-Dachi zu garnieren – ausgezeichnet.

Am letzten Tag, Freitag, stand noch ein Besuch auf der Agenda, der es in sich hatte. Geladen hatten wir mit Basti und Christian zwei Gasttrainer des Chemnitzer Capoeira Vereins, die unsere Kids super engagiert nicht nur zu akrobatischen Höhenflügen und etwas mehr Lockerheit in der Hüfte animierten, sondern dazu noch, wie es im Capoeira üblich ist, zum Singen und Klatschen verpflichteten.

Nach einer kleinen Geschichtsstunde über die Ursprünge dieser brasilianischen Kampf- und Tanzkunst und dem Vorstellen der gebräuchlichen Instrumente, machte die capoeiradienliche Aufwärmung eins klar: Scheinbar lieben alle Kampfkünste Liegestütze und tiefe Stände – ausgezeichnet.

Ausgestattet mit dem Grundbewegungsmuster, der Ginga, und ein paar einfachen Tritten ging es ab in die erste Roda, dem Kreis aus Capoeiristas und Musikern in dessen Mitte immer nur zwei Kämpfer miteinander „spielen“. Das heißt: aufs Köpfchen aufpassen, Deckung oben halten, in Bewegung bleiben und alle anderen besorgen die Musik. Gesungen wird natürlich auf portugiesisch und die Dynamik der Musik kann entscheidenden Einfluss auf die Dynamik des Kampfes … ähh Spiels haben.

Kurz nach Mittag war der ganze Spaß schon vorüber und nachdem die Kinder zusammen mit ihren Eltern das letzte Lied über angolanische Cashewnüsse trällerten, stand nur noch die Heimreise auf dem Plan.
Wir hoffen, dass alle Teilnehmer so viel Spaß hatten wie Mr. Burns, wenn er einem Baby den Lolli klaut und hoffen nächstes Jahr wieder ein Karate-Ferienlager organisieren zu können.

Und? Nächstes Jahr wieder Lust auf ein paar Liegestütze im Sonnenschein? – ausgezeichnet –

Text: Kai Doberitzsch

Anmerkung: Die dazugehörige Bilder könnt ihr euch hier in der Dropbox angucken und downloaden.